
Mehr als einen Menschen lieben, mit mehreren Partnern gleichzeitig zusammen sein: Das hört sich nach Fremdgehen und Betrug an. Manche Menschen haben aber auch ganz offiziell mehrere Beziehungen. Alle Beteiligten wissen voneinander und sind damit einverstanden. Polyamorie heißt diese Liebesform. Polyamore Menschen erzählen, wie das funktionieren kann.
„Liebe ist ein Kind der Freiheit“ heißt es in einem alten französischen Lied. Polyamore Menschen wollen ihren Partner nicht „besitzen“ oder „für sich allein haben“. Stattdessen lassen sie sich gegenseitig ihre Freiheit – auch und gerade wenn das bedeutet, mit einem Anderen zu schlafen.
In der Polyamorie sind Mann und Frau gleichberechtigt – beide dürfen Nebenpartner haben. Das unterscheidet die Polyamorie von der Polygamie. In polygamen Gesellschaften sind es meist nur die Männer, die mehrere Frauen haben.
Bei der Polyamorie gibt es keine festen Regeln. Jede Beziehung ist anders. In manchen geht es um tiefsinnige Gespräche, in manchen um Sex. Einige Partner treffen sich jede Woche, andere nur einmal im Jahr.
Die gängige Moralvorstellung verurteilt es, mehrere Partner zu haben. „Du sollst nicht die Ehe brechen“, fordern schon die Zehn Gebote. Eine Polyamoristin nennt das „irgendwelche uralten moralischen Geschichten“ und findet, das Glück des Partners solle im Vordergrund stehen. „Wenn ich dich liebe, muss es mir doch daran gelegen sein, dass es dir gut geht.“
Polyamoristen wollen, dass Beziehungen länger halten und stabiler sind. Das mag paradox klingen. Aber in einer Gesellschaft, in der häufige Trennungen und Seitensprünge keine Ausnahmen sind, sehen polyamore Menschen ihre Liebesform als eine Möglichkeit, eine Beziehung für lange Zeit zu erhalten. Denn wenn sich einer der Partner in jemand anderen verliebt, führt das nicht zu der Entscheidung „Er oder ich“, sondern zu einer neuen Nebenbeziehung.
Ob polyamore Menschen die Nebenpartner ihres Partners kennen lernen wollen, entscheidet jeder individuell. Für viele ist es allerdings wichtig, zu wissen, mit wem der Andere zusammen ist. Nicht selten entstehen dabei Freundschaften.
Eifersucht – die kennen auch polyamore Menschen. Sie sehen Eifersucht allerdings als Einschränkung, die es zu überwinden gilt.
In ganz Deutschland gibt es ein gutes Dutzend Stammtische für polyamore Menschen. Der Verein PolyAmores Netzwerk veranstaltet zweimal im Jahr bundesweite Treffen, bei denen sich die Teilnehmer mit Gleichgesinnten austauschen können. Dieses Jahr im Mai waren rund 100 Teilnehmer dabei.
(Ehe-)Paare sind oft die Basis für polyamore Verbindungen. Die Beziehung untereinander hat für beide Partner Priorität, erst danach kommen die Nebenpartner. Aber auch wenn dieses Modell sehr häufig ist, gibt es noch viele andere Formen von Polyamorie. Es gibt Singles, die mehrere Parallelbeziehungen unterhalten. Es gibt Triaden, in denen drei Menschen gemeinsam eine Beziehung führen. Es gibt Lebensgemeinschaften mit ganz vielen Menschen, die untereinander Beziehungen aller Art führen.
Auch wenn es für Polyamoristen keine festen Regeln gibt: Ein fester Grundsatz gehört zur Polyamorie unbedingt dazu. Alle Beteiligten müssen offen sein und voneinander wissen. Denn eine Nebenbeziehung, die geheim gehalten wird, gilt nicht als Polyamorie, sondern als Seitensprung.
